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Methode: „Wir gegen sie?“

Narrative, Feindbilder und einfache Erklärungen in Social Media erkennen

In sozialen Medien begegnen Jugendliche nicht nur einzelnen Meinungen, sondern auch wiederkehrenden Erzählmustern (Narrativen). Manche Inhalte arbeiten mit klaren Gegensätzen, vereinfachten Schuldzuweisungen oder absoluten Wahrheitsansprüchen. Solche Narrative können Orientierung geben, gleichzeitig aber auch Abwertung, Ausgrenzung oder Polarisierung fördern.

Unsere Methode unterstützt Jugendliche dabei, typische Wir–sie-Logiken, Feindbilder und vereinfachende Erklärungen in Social-Media-Kommunikation zu erkennen und einzuordnen.

Kompakte Methodenkarte zum kostenlosen PDF-Download

KI-generiertes Bild: Zwei gegenüberstehende Sprechblasen mit Flaggen, eine blau mit zwei überlappenden Rechtecken, die andere rot mit drei Punkten, getrennt durch einen Blitz in der Bildmitte

Info
In der Praxis haben sich Einrichtungsaccounts bewährt, um die Daten und die Persönlichkeitsrechte der Jugendlichen zu schützen. Es kann auch sinnvoll sein, technische Geräte (Smartphones/Tablets) der Einrichtung zu nutzen und einen Beamer zu verwenden. Natürlich können auch die Endgeräte der Teilnehmenden genutzt werden, wenn alle einverstanden sind und es sinnvoll erscheint.

Organisatorische Infos

Die Methode unterstützt die Teilnehmenden dabei:

  • wiederkehrende Erzählmuster in Social Media wahrzunehmen
  • Wir–sie-Gegenüberstellungen und Abwertungslogiken zu erkennen
  • zwischen Problembenennung und Schuldzuweisung unterscheiden zu können
  • Mehrperspektivität zuzulassen und Vereinfachungen zu hinterfragen

Jugendliche, unabhängig von Vorwissen oder Intensität der Social-Media-Nutzung

  • Dauer: 60–90 Minuten
  • Gruppengröße: 6–20 Teilnehmende
  • Setting: Gruppenraum mit WLAN
  • Technik: Whiteboard oder Flipchart, optional: Beamer
  • Material: Moderationskarten, Stifte, vorbereitete Beispielaussagen auf Karten

Die Fachkraft bereitet Karten mit vorformulierten Beispielaussagen vor (wie sie weiter unten exemplarisch aufgeführt sind), die typische extremistische narrative Muster abbilden, ohne reale Inhalte oder Akteur*innen zu reproduzieren. Die Aussagen sind bewusst abstrahiert und dienen ausschließlich der Analyse von Struktur und Wirkung.

Für die Vorbereitung ist es hilfreich, sich mit den Begriffen Narrativ, Wir–sie-Logik, Abwertung und Schuldzuweisung vertraut zu machen.

Die folgenden Aussagen können 1:1 verwendet odersprachlich leicht angepasst werden. Sie sollen nicht auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft, sondern hinsichtlich ihrer Erzählweise und Wirkung betrachtet werden.

Wir–sie-Gegenüberstellungen:

  • „Wir halten noch an unseren Werten fest – die anderen haben sie längst aufgegeben.“
  • „Man gehört entweder dazu oder steht auf der falschen Seite.“
  • „Wer wirklich versteht, wie die Welt funktioniert, kann nicht mehr neutral bleiben.“

Vereinfachte Schuldzuweisungen:

  • „Für all diese Probleme gibt es eine klare Ursache – alles andere ist Ablenkung.“
  • „Wenn man ehrlich ist, weiß man genau, wer schuld ist.“
  • „Das System ist gegen uns, anders lässt sich das nicht erklären.“

Absolutheits- und Wahrheitsansprüche:

  • „Es gibt nur einen richtigen Weg – alles andere führt in die Irre.“
  • „Man muss sich entscheiden: richtig oder falsch, dazwischen gibt es nichts.“
  • „Wer etwas anderes behauptet, will nur verwirren.“

Abwertung und Entmenschlichung (abgeschwächt):

  • „Manche Menschen verstehen einfach nicht, wie das Leben wirklich läuft.“
  • „Diese Leute denken alle gleich – Diskussionen bringen nichts.“
  • „Mit solchen Menschen kann man nicht zusammenleben.“

Opfer- und Bedrohungsnarrative:

  • „Wir werden ständig angegriffen, auch wenn niemandes offen zugibt.“
  • „Unsere Art zu leben, soll verschwinden, Schritt für Schritt.“
  • „Man darf die Wahrheit nicht mehr sagen.“

Ablauf der Methode

Die Gruppe sammelt gemeinsam, welche Arten von Aussagen in sozialen Medien besonders einprägsam wirken. Es geht nicht um konkrete Accounts oderreale Posts, sondern um typische Formulierungen und Eindrücke.
Mögliche Impulsfragen:

  • Welche Aussagen wirken besonders eindeutig oder überzeugend?
  • Bei welchen Sätzen/Botschaften bleibt wenig Raum für Widerspruch?

Die Teilnehmenden arbeiten in Kleingruppen mit vorbereiteten Karten, auf denen jeweils eine neutral formulierte Beispielaussage steht. Jede Gruppe erhält eine Auswahl unterschiedlicher Aussagen (4–6 Karten), die typische (von extremistischen Akteur*innen genutzte) narrative Muster abbilden.

Aufgabe der Gruppen ist es, die Aussagen gemeinsam zu betrachten und anhand folgender Leitfragen zu besprechen:

  • Wird hier ein „Wir vs. sie“ konstruiert?
  • Gibt es klare Schuldzuweisungen?
  • Wird ein komplexes Thema stark vereinfacht?
  • Findet eine Abwertung statt?

Die Aussagen werden dabei nicht bewertet oder inhaltlich diskutiert, sondern vor allem in Bezug auf ihre Struktur und Wirkung betrachtet.

Im Plenum werden Beobachtungen zusammengetragen. Gemeinsam wird reflektiert:

  • Warum können einfache Erklärungen entlastend wirken?
  • Welche Gefühle (z. B. Wut, Frust, Ohnmacht) sprechen solche Aussagen an?
  • Was passiert, wenn Gruppen pauschal verantwortlich gemacht werden?
  • Was bewirkt ein Denken nach dem Muster „Wir gegen sie?“

Ziel ist eine gemeinsame Einordnung der Wirkung solcher Narrative.

Die Gruppen wählen einzelne Aussagen aus und formulieren alternative, weniger polarisierende Varianten:

  • Was könnte differenzierter gesagt werden?
  • Welche Perspektiven fehlen?
  • Welche Informationen würden helfen, das Thema komplexer zu betrachten?

Ziel ist eine gemeinsame Einordnung der Wirkung solcher Narrative.

Reflexionsfragen (Beispiele)

  • Woran erkenne ich, dass ein Thema stark vereinfacht wird?
  • Welche Gefühle spielen bei solchen Aussagen eine Rolle?
  • Was hilft mir dabei, bei polarisierenden Inhalten einen Schritt zurückzugehen?
  • Wie kann ich Mehrdeutigkeiten aushalten, ohne mich orientierungslos zu fühlen?

  • Es geht um Strukturen von Aussagen, nicht um Personen.
  • Zustimmung in Teilen ist möglich und kann Gesprächsanlässe bieten.
  • Die Kenntnis oder Rezeption solcher Aussagen bedeutet keine Zustimmung.
  • Klare Haltung gegen jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ist notwendig.
  • Praxistipps für die Medienarbeit mit jungen Geflüchteten finden sich unter: www.medienarbeit-nrw.de/praxistipps

Fazit

Unsere Methode unterstützt Jugendliche dabei, wiederkehrende Erzählmuster in Social Media zuerkennen und deren Wirkung besser einzuordnen. Sie schafft Raum, polarisierende Inhalte nicht nur wahrzunehmen, sondern strukturell zu verstehen und alternative Perspektiven zu entwickeln.

Mehmet Koç,
B.A. Soziale Arbeit und Islamische Studien, sowie M.A. Forschung in der Sozialen Arbeit. Er entwickelt und erprobt innovative Ansätze digitaler Präventionsarbeit auf Social Media, u.a. zur Dekonstruktion von ‚islamistischen Narrativen‘ – und bringt seine Perspektiven in den fachlichen und gesellschaftlichen Diskurs ein.

Aktuell (2025) ist er unabhängiges Mitglied im Expertenbeirat von KN:IX connect | Verbund Islamismusprävention und Demokratieförderung.

Mehmet Koc

Inklusiv gedacht

Damit auch Jugendliche mit einer Behinderung teilhaben können, haben wir hier einige Tipps zusammengestellt:

  • Informationen in verschiedenen Formaten anbieten, z. B. Verwendung von Einfacher Sprache, visuelle Symbole / Piktogramme und Hilfsmittel, Gebärdensprache.
  • Medieninhalte barrierefrei gestalten, z. B. durch Untertitel und Audiodeskription. Dabei darauf achten, dass Untertitel und Hintergrund genug Kontrast haben, damit die Untertitel deutlich zu lesen sind.
  • Weitere Informationen und Hinweise für die inklusive Gestaltung von Medienprojekten: